Zwentendorf in Niederösterreich ist vielen Österreicherinnen und Österreichern für sein Atomkraftwerk bekannt, das niemals in Betrieb gegangen ist. Die österreichische Bevölkerung hat die Inbetriebnahme nach Fertigstellung des Kraftwerks im Jahr 1978 in einer Volksabstimmung abgelehnt.
Das Kraftwerk steht heute noch da, direkt an der Donau. Im Sommerhalbjahr kann man, direkt vor dem Kraftwerk, in der Bärndorferhütte einkehren; ein circa 200 Jahre altes Bauernhaus, das im Jahr 2002 im Kärntner Lavanttal abgetragen und hier, direkt am Donauufer, wieder aufgebaut wurde.
https://www.baerndorferhuette.at/
Ein wahres Juwel, die eigentliche Überraschung, findet sich aber in der Ortsmitte von Zwentendorf. Direkt an das Rathaus der Gemeinde angeschlossen ist das Haus der Geschichte. Man hat sich nicht verlesen: Zwentendorf hat ein Haus der Geschichte. Seine Didaktik, seine Architektur, Ausstattung, Bestand und seine Erzählungen sind beeindruckend. Die Gemeinde spart ganz offensichtlich nicht bei der Darstellung ihrer Geschichte; und die ist vielfältig, vielschichtig und spannend. Das Museum beginnt bei der Beschreibung der Römersiedlung Asturis, die am Grenzwall des römischen Reiches auf dem Gebiet des heutigen Zwentendorf existierte. Grabungsarbeiten brachten die Römersiedlung in der 1950er- und 1960er-Jahren zu Tage. Die Bauern benötigten die Felder, also schüttete man die Ausgrabungen gleich nach ihrer Dokumentation wieder zu.
Ein weiterer Bereich des Museums beschäftigt sich mit dem Arbeitslager Moosbierbaum, das die Nationalsozialisten in Zwentendorf betrieben hatten. Dort bildete sich eine größere Gruppe von Widerstandskämpfern. Im Jahr 1945 wurde die Gruppe von der Gestapo verhaftet, zwischen 120 und 140 Widerstandskämpfer wurden in der Folge in das KZ Mauthausen überstellt. Allein 40 von ihnen wurden noch am 27. April 1945, kurz vor der Befreiung Mauthausens durch die US Truppen, ermordet. Selten habe ich in Österreich in einem Museum eine so berührende und schonungslose Darstellung der Geschichte der NS-Zeit gefunden; Teile eines mittlerweile abgetragenen Denkmals mit den Namen der Opfern sind ins Museum überstellt worden.
Auch aus der Zeit der Zweiten Republik enthält das Museum durchaus ungewöhnliche Sammlungen. Die große alte Filmmaschine des schon lange geschlossenen Kinos Zwentendorf, eine Sammlung alter Radio- und Telefonapparate, die Eismaschine des nicht mehr geöffneten Kaffeehauses von Zwentendorf.
Eine Sektion des Museums ist dem Zwentendorfer Lyriker Herbert Brachmann gewidmet. Seine noch verfügbaren Gedichtbände und einzelne Texte sind ausgestellt.
Wie kommt es, dass eine mittelgroße Gemeinde über ein solches Haus verfügt? Neben der Offenheit der Gemeindevertretung ist es wohl die Leistung einer Person: Ing. Gerhard Bauer hat das Haus mit großer Fachkunde konzipiert, kuratiert und leitet es. Wenn man Glück hat, dann begleitet er einen Stück durch die Ausstellung und ergänzt die Schautafeln durch seine mündlichen Berichte. Als Zwentendorfer weiß er viel mehr, als sich im Haus der Geschichte unterbringen lässt.
Alle Informationen zu den Öffnungszeiten findet man auf der Webseite des Museums:
https://www.museum-zwentendorf.at/











