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Die Klimakatastrophe braucht auch Antworten auf die soziale Frage

Kommentar der Anderen für den Standard vom 16.8.2026 (Papierausgabe 17.8.2026)

Die Schere zwischen wohlhabenden und weniger wohlhabenden Menschen droht weiter auseinanderzugehen. Die Klimaveränderungen schaffen neue soziale Probleme

Niedrigwasser am Rhein bei Köln: Blick auf eine trockengelegte Sandbank mit zwei Spaziergängern. Im Hintergrund fließt der stark zurückgegangene Fluss. Die Schifffahrt ist durch den niedrigen Wasserstand eingeschränkt.
Der allgemeine Wassermangel führt auch in der landwirtschaft zu erheblichen Problemen.
IMAGO/Jochen Tack

Die Rekordtemperaturen der letzten Wochen, die Bilder der verdorrten Felder und der Waldbrände quer durch Europa stehen in einem seltsamen Kontrast zum Phlegma der Politik. Was Europa im Sommer 2026 klimamäßig erlebt, ist teilweise dystopisch. Die höchsten Temperaturen liegen, sowohl bei Tag als auch bei Nacht, gleich mehrere Grad über dem, was man bisher kannte. Laut Wissenschaft steht in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren nochmals ein vergleichbarer Anstieg der Höchsttemperaturen bevor. Er wird unseren Alltag völlig verändern.

Bereits jetzt mindern Hitze und Trockenheit auch in Österreich die Lebensqualität vieler Menschen, gefährden Existenzen und führen zu vielen Hitzetoten. Bei Katastrophen anderer Art, von Terrorakten bis zu Zugunfällen, hätte die Politik – bei viel geringeren Opferzahlen und Schäden – längst Maßnahmenpakete beschlossen. Einzelne Politiker:innen haben freilich seit Jahren gewarnt: von Bundespräsident Van der Bellen über die Grünen bis zu Vizekanzler Babler drängen viele seit langem auf entschiedenere Klimamaßnahmen. Und es passiert bereits einiges: Die Wiener Stadtregierung investiert seit Jahren massiv in Nachhaltigkeit, Hochwasserschutz und Ausbau der Trinkwasserreserven. Aber 2026 lehrt uns: Wir müssen viel mehr viel schneller in die Wege leiten.

Unterschiedliche Lebenserwartung

Der Klimawandel (besser: die Klimakatastrophe) wirft, auch das sehen wir im Sommer 2026, soziale Fragen neu auf. Die Klimaveränderungen haben das Potenzial, Unterschiede in den Lebensumständen verschiedener Bevölkerungsgruppen drastisch zu verschärfen. Unterschiedliche Lebensumstände haben bereits jetzt große Divergenzen in der Lebenserwartung zur Folge – selbst innerhalb derselben kleinen Region. So fällt in Wien die Lebenserwartung in den einzelnen Gemeindebezirken nach den Daten des Jahres 2023 weit auseinander: die Unterschiede betragen 3,7 Jahre bei Frauen und bis zu acht Jahren bei Männern. Während z.B. in den Wiener Bezirken Innere Stadt und Josefstadt Männer eine durchschnittliche Lebenserwartung von 84,4 beziehungsweise 82,9 Jahren haben, liegt die Lebenserwartung von Männern im Bezirk Simmering bei 77,6 Jahren, in Meidling bei 76,5 Jahren und in Rudolfsheim-Fünfhaus bei 76,4 Jahren.

Die Wissenschaft führt diese Differenzen auf soziale und gesundheitliche Ungleichheiten zurück. Auch wenn sich aufgrund der schweren Zuordenbarkeit einzelner Faktoren auf die Lebenserwartung kaum haltbare Prognosen machen lassen, so ist es doch offensichtlich, dass öfter wiederkehrende, lang anhaltende Hitzeperioden wie im Jahr 2026 das Potenzial haben, diese Unterschiede in der Lebenserwartung und im Gesundheitsprofil weiter zu vergrößern.

Eine vertrocknete Parklandschaft mit gelblichem Gras und rissigem Boden, verursacht durch anhaltende Hitze und Trockenheit in London. Im Hintergrund sind Bäume und vereinzelte Gebäude zu sehen.
In der Klimakatastrophe wird offenbar die Dramatik der sozialen Frage übersehen.
IMAGO/Rasid Necati Aslim

Warum wird die Dramatik dieser sozialen Frage weitgehend übersehen? Vielleicht, weil Politik und Journalismus jenem Bevölkerungsteil angehören, der sich die Wochen der Hitze meist vergleichsweise erträglich gestalten kann. Durch eine Wohnung, die über Klimaanlage, Balkon oder Terrasse verfügt. Durch klimatisierte Büros, Urlaube oder Zweitwohnsitze im Grünen, wo man in den Nächten besser schläft, einen Pool hat und aus dem Home Office arbeitet.

Repräsentativ ist diese Lebensrealität jedoch nicht, zumindest nicht für die Bevölkerung der Städte. In Wien hat etwa die Hälfte des Wohnungsbestands weder Balkon, Loggia noch Klimaanlage. Hunderttausende Menschen arbeiten entweder körperlich im Freien oder an nicht klimatisierten Arbeitsplätzen. Der Sommer 2026 in einer kleinen Wohnung in Wien ohne Balkon, mit Kindern, mit einem Job am Bau oder im Freien, in der Landwirtschaft, in der mobilen Pflege oder im Zustelldienst: Für viele Menschen sind diese Wochen gerade mit extremen Belastungen und Beeinträchtigungen verbunden.

Unterschiedliche Auswirkungen

Die Klimaänderungen werden die gesellschaftlichen Verhältnisse insgesamt verschieben. Es zeigt sich schon in diesem Sommer, dass manche Tourismusregionen wenig von der Hitze betroffen sind, andere aber bis zur Hälfte ihrer Gäste verlieren (etwa in der Donauregion).

Die Landwirtschaft ist ganz besonders von den Folgen der Hitze betroffen. Die Lage der kleinen und mittleren bäuerlichen Betriebe, die es im Wettbewerb mit den Großbetrieben schwer genug haben, verschärft sich. Zur Belastung durch die körperliche Arbeit im Freien kommen für die Landwirtschaft Ernteausfälle durch Dürre und Hitze dazu. Aus Mangel an Wasser und Nahrung für die Tiere mussten viele Bäuerinnen und Bauern 2026 den Almbetrieb mitten im Sommer abbrechen. In Zukunft werden in vielen Regionen Österreichs Investitionen in Bewässerung und eine Umstellung der Kulturen notwendig werden. Es stellt sich die Frage, ob nicht ein Grundeinkommen zur Abgeltung der Landschaftspflege den kleinen landwirtschaftlichen Betrieben zumindest die Sorge um die wirtschaftliche Existenz nehmen sollte.

Fenster eines gelben Gebäudes, verhängt mit Alufolie als Schutz vor Sommerhitze. An einem Fenster hängt eine Progress-Pride-Flagge. Im Vordergrund sind teils unscharfe Äste zu sehen.
Menschen versuchen sich mit improvierten Lösungen zu helfen, nicht jeder kann sich eine Klimaanlage leisten.
APA/GEORG HOCHMUTH

Die Politik ist gefordert, Lösungen zu finden. Etwa Menschen in prekären Arbeits- und Wohnumgebungen so schnell wie möglich besser zu schützen. Bisher wird vor allem der Einbau von Klimageräten diskutiert. Es wird sehr viel mehr an Maßnahmen benötigen: Von der Schaffung kühler öffentlicher Aufenthaltsräume bis hin zu einer beschleunigten Entsiegelung, verpflichtenden Balkonen bei Neubauten, neuen Arbeitsschutzregeln für Jobs im Freien, reduzierten Arbeitszeiten in Hitzewochen bis hin zu mittel- und langfristigen Maßnahmen zur Sicherung der Klimaziele.

Kluge Klimapolitik?

Das alles ist auch aus (grund)rechtlicher Sicht geboten: das Recht auf Leben und das Recht auf Gesundheit verlangen nach einem Handeln der Politik, auch wenn das diesbezügliche Bewusstsein bei den Gerichten hierzulande erst im Entstehen ist. Nebeneffekt kluger Klimapolitik für die Regierung: Wirksame Maßnahmen zur Linderung der Folgen des Klimawandels können dem Rechtspopulismus den Wind aus den Segeln nehmen, der zu diesem zentralen Zukunftsthema weder Position noch Konzepte hat.

Von den Klimaveränderungen ausgelöste soziale Fragen könnten für die nächsten Jahrzehnte prägend werden. Aktuell bestimmen noch Einkommen und Vermögen darüber, wer während der Hitze und bei Klimaextremen würdig und gut leben kann – dank Klimaanlage, Pool, Zweitwohnsitz und Urlauben. Die Schere in der Lebenserwartung und im Gesundheitsprofil zwischen wohlhabenden und weniger wohlhabenden Menschen droht weiter auseinanderzugehen. Bewohner:innen von Wohnungen ohne Balkon und Klimaanlage, alle Menschen, die im Freien arbeiten, Bäuerinnen und Bauern sind in diesem Jahr schon massiv betroffen. Mit dem Gegensteuern sollte die Politik besser heute als morgen beginnen. (Oliver Scheiber, 16.8.2026)