Sie wankt, sie steht: Gespräch zu 100 Jahre Bundesverfassung

Anja Melzer hat mit mir aus Anlass „100 Jahre österreichische Bundesverfassung“ über die Verfassung im Alltag der Gerichte und die Praxis der österreichischen Gerichte gesprochen. Reportage und Interview sind im Oktober 2020 in Arbeit & Wirtschaft erschienen: https://www.arbeit-wirtschaft.at/reportage-sie-wankt-sie-steht/

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Universitäten: die geplante Reform ist von einem bösen Geist getragen

Die Regierung plant, Studierende aus ihrem Fach auszuschließen, wenn sie nicht jedes Semester eine bestimmte Zahl an Prüfungen ablegen.

https://orf.at/#/stories/3187127/

Ich finde es sehr aussagekräftig, wenn Politik in solchen Zeiten keine anderen Sorgen hat, als Studierende  aus der Uni zu kicken. Jede besuchte Uni-Lehrstunde ist ein Gewinn für die Gesellschaft, egal ob die Zuhörenden Prüfungen ablegen oder nicht.

Es gibt viele Gründe, einige Semester lang weniger zu tun – wirtschaftliche Gründe, weil man nebenbei mehr arbeiten muss, ein Todesfall, Pflege- oder Betreuungsaufgaben, eigene Krankheit. Warum Studierende dafür bestrafen? Nicht an der Uni präsente Studierende nehmen
niemandem einen Platz weg.

Universitäten waren einmal offene Häuser und Orte der Diskussion. Was hier passiert ist ua auch ein Rückbau von Zivilisation und Aufklärung, ein Angriff auf Chancengleichheit und Bildung.

Und, weil es an dieser Stelle gut passt: Politik muss den Kompromiss suchen und Mehrheiten herstellen. Aber wenn bei Politiker*innen keine persönlichen roten Linien erkennbar sind, dann wird das Unpolitische zur Maxime der Politik. Den Zugang „Andere wären schlimmer als ich“ finde ich in allen Lebensbereichen furchtbar.

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Barrierefreie Kommunikation: Neues vom Schriftdolmetschen

Schriftdolmetschen ist ein Mittel zur gesellschaftlichen Teilhabe und wird immer wichtiger. Auf diesem wichtigen Sektor des Dolmetschens im öffentlichen Raum hat sich zuletzt einiges bewegt.

SchriftdolmetscherInnen arbeiten primär für schwerhörige Menschen in allen möglichen Lebenslagen – in Schule, Ausbildung, Beruf, beim Arzt, vor Behörden und in der Freizeit.

Eine weitere wichtige Zielgruppe sind TeilnehmerInnen an internationalen Tagungen / Kongressen / Konferenzen, die in nur einer Sprache stattfinden – sei es in der Landessprache oder in Englisch als Lingua Franca. Die TeilnehmerInnen beherrschen diese Tagungssprache oft nicht ausreichend, um sie zu verstehen, wenn sie gesprochen wird, vor allem, wenn sehr schnell oder mit starkem Akzent oder mit Dialekt gefärbt gesprochen wird. Mit projizierter Schriftdolmetschung können alle TeilnehmerInnen den Beiträgen folgen, da die Lesekompetenz in der Regel bei allen TeilnehmerInnen gegeben ist.

Seit kurzem bietet die Universität Wien eine postgraduale Ausbildung zum Schriftdolmetschen an. Die ersten TeilnehmerInnen haben die Ausbildung erfolgreich abgeschlossen:

https://www.postgraduatecenter.at/weiterbildungsprogramme/kommunikation-medien/barrierefreie-kommunikation-schriftdolmetschen/

Nun haben AbsolventInnen einen Verband gegründet – über die neue Website lassen sich qualifizierte SchriftdolmetscherInnen schnell auffinden:

https://oesdv.jimdosite.com/

Für die Dolmetschung im öffentlichen Raum bedeutet all das einen deutlichen Qualitätssprung.

Zertifikatskurs Barrierefreie Kommunikation – Schriftdolmetschen an der Universität Wien. Erwerb einer breiten Sonderqualifikation im Dolmetsch-Bereich. 1 Semester, berufsbegleitend.
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Zurückweisung der Klimaklage durch den Verfassungsgerichtshof – eine erste Einschätzung.

Der Verfassungsgerichtshof hat heute bekanntgegeben, dass die so genannte Klimaklage zurückgewiesen wurde. Die Entscheidung ist auf der Seite des Verfassungsgerichtshofs abrufbar:

https://www.vfgh.gv.at/downloads/VfGH_Beschluss_G_144_2020_vom_30._September_2020.pdf

Die Rechtsvertreterin der Klimakläger, Michaela Krömer, schreibt dazu auf Facebook: „Die Klimaklage wurde zurückgewiesen. Die vorgebrachten Argumente des VfGH sind letztlich mutlos und konservativ. Der Formalismus wäre rechtlich in einzelnen Punkten jedenfalls überwindbar gewesen. VfGH-Präsident Christoph Grabenwarter hat selbst unlängst festgehalten, dass eine Verfassung nicht nur vom Buchstaben des Gesetzes lebt, sondern auch davon, wie sie von den verantwortlichen Organen gehandhabt wird. Heute scheitert der VfGH an genau diesem Anspruch: Unsere viel gefeierte Verfassung bietet derzeit keinen rechtlichen Schutz vor den tatsächlichen Krisen unserer Zeit. Zurückweisung der Klimaklage durch den Verfassungsgerichtshof – eine erste Einschätzung. weiterlesen

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Neuerscheinung: Ernst Schmiederer – Warum wir Fremde nicht wie Feinde behandeln dürfen. Plädoyer für ein besseres Leben.

Ernst Schmiederer war lange Jahre Ressortleiter beim profil und USA-Korrespondent eines Schweizer Magazins. Seit einiger Zeit setzt er mit seinem in Wien etablierten Blinklicht Media Lab und der edition IMPORT/EXPORT Akzente in der Zivilgesellschaft und steht auf sympathische Weise außerhalb der Mainstream-Blase von Journalismus und Szene.

Eben ist Ernst Schmiederers neues Buch „Warum wir Fremde nicht wie Feinde behandeln  dürfen – Plädoyer für ein besseres Leben“ erschienen (Edition Konturen, 2020, 71 Seiten). Der kompakte Text beschäftigt sich mit Fremdheit und Fremden, mit dem Umgang mit Not, Armut und Migration. Der Text hat den Charakter eines Appels, eines Manifests – er ist ein Aufruf zu Vernunft und Menschlichkeit. Schmiederer beklagt zu Recht den Rückbau des Asylrechts in der Praxis europäischer Gerichte und Behörden und regt ein Recht jedes Menschen, sich auf der gesamten Welt frei zu bewegen und niederzulassen an. Die Stärke des Textes liegt darin, dass der Autor seinen menschlichen Zugang zum Thema Migration und Flucht nachvollziehbar argumentiert, mit Fakten und mit der Berufung auf maßgebliche Philosophen – und zugleich die aus dem Herzen kommende Überzeugung von der Alternativlosigkeit zu menschlichem Handeln spürbar ist. Schmiederer berichtet von einzelnen Fluchtschicksalen, er verwendet starke Bilder und beruft sich ua auf Derrida, der bereits 1996 formulierte: „Besteht die Gastfreundschaft darin, dem Ankömmling Fragen zu stellen? Oder beginnt die Gastfreundschaft damit, dass man empfängt, ohne zu fragen?“

Aufrufe wie dieser zu Empathie und Menschlichkeit werden oft als naiv und aussichtsloses Unterfangen diskreditiert. Das Gegenteil ist der Fall. Gerade der Jugend gegenüber sind wir verpflichtet, unsere Überzeugungen darzulegen und nicht nachzulassen, sie zu vertreten. Die Öffentlichkeit sieht sich seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten der Propaganda eines egoistischen, menschenfeindlichen Systems gegenüber. Hohle Phrasen wie jene vom Wert der Leistung, begrenzten Aufnahmemöglichkeiten, illegaler Migration prasseln ständig auf uns ein. Die Corona-Krise hat die Schieflage in unserer Gesellschaft deutlich gemacht, noch deutlicher, wenn man sich Ibiza und andere Skandale dazudenkt. In der Pandemie entstand Aufmerksamkeit dafür, dass Gesundheitssystem, Handel und Landwirtschaft ohne ZuwandererInnen und ausländische Arbeitskräfte nicht aufrecht zu erhalten sind; dass in diesen Sektoren arbeitende Menschen unverzichtbare Leistungen für die Gesellschaft erbringen.

Im Asylbereich zeigen Widerstände in den Gemeinden gegen Abschiebungen, dass viele Menschen mit der laut deklamierte Härte gegen Flüchtlinge und MigrantInnen nicht einverstanden sind. Texte wie jener Ernst Schmiederers sind notwendig – nicht nur ab und zu, sondern ganz oft, von vielen Menschen aus vielen Berufen. Schmiederers Plädoyer für Menschlichkeit, Menschenrechte und Empathie ist wohl begründet und ein wichtiger Mosaikstein, unsere Gesellschaft und unser Rechtssystem menschlicher zu gestalten und dem Asylrecht seine ursprüngliche Kraft zurückzugeben.

Ernst Schmiederer
Warum wir Fremde nicht wie Feinde behandeln dürfen

Plädoyer für ein besseres Leben
75 Seiten, Broschur
Format 11,5 cm × 19 cm
Preis € 12,–
ISBN 978-3-902968-58-6
Bestellung: https://www.konturen.cc/aktuell/warum-wir-fremde/
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